Deutschland steht vor einer der tiefgreifendsten Reformen des Agrarsektors seit Jahrzehnten. Das neue Bundesgesetz zur Förderung der Getreideproduktion und -verarbeitung – oft als „Frumentationsgesetz“ bezeichnet – soll die Abhängigkeit von Importen reduzieren, die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft stärken und gleichzeitig die Klimabilanz der Branche verbessern. Doch wie genau funktioniert dieses Gesetz, und welche konkreten Hebel werden genutzt, um die Ziele zu erreichen? Ein Blick auf die wichtigsten Aspekte und die realen Auswirkungen auf Bauern, Verarbeiter und Verbraucher.
Ziel: Selbstversorgung und Klimaschutz durch heimische Getreideproduktion
Das Gesetz zielt darauf ab, die deutsche Getreideproduktion auf mindestens 50 Prozent des nationalen Bedarfs zu steigern bis 2035. Aktuell deckt der Inlandskonsum nur etwa 40 Prozent der benötigten Mengen – ein Defizit, das vor allem durch den Import von Weizen, Roggen und Mais aus dem Ausland ausgeglichen wird. Besonders kritisch ist die Abhängigkeit von ukrainischem und russischem Weizen, deren Lieferungen seit dem Ukraine-Krieg stark eingeschränkt wurden. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) könnten durch die Reform bis zu 15 Millionen Tonnen Getreide jährlich aus heimischen Feldern stammen, was die Energiekosten für die Lebensmittelindustrie um bis zu 800 Millionen Euro pro Jahr senken würde.
Ein zentraler Baustein ist die Förderung von regenerativer Landwirtschaft, bei der Bodenfruchtbarkeit und Wasserverfügbarkeit langfristig verbessert werden. Besonders in den Bundesländern Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg, wo die meisten Getreidefelder liegen, werden Subventionen für den Einsatz von Düngemitteln aus Biogas oder kompostierten Tierkadavern gewährt. Studien des Thünen-Instituts zeigen, dass solche Methoden die CO₂-Bilanz um bis zu 20 Prozent verbessern können – ein entscheidender Hebel für die EU-Klimaziele.
Praktische Maßnahmen: Von Subventionen bis zu Marktregulierung
Das Gesetz sieht vor, dass die Bundesregierung mindestens 300 Millionen Euro pro Jahr in die Förderung von Getreideanbau und -verarbeitung steckt, wobei die Mittel vorrangig an kleine und mittlere Betriebe gehen. Besonders gefördert werden Agroforstwirtschaft-Projekte, bei denen Getreide mit Bäumen angebaut wird, um Erosion zu verhindern und Biodiversität zu steigern. Ein konkretes Beispiel ist das „Projekt „Grüne Auen“ in der Emslandregion, wo seit 2022 über 500 Hektar Weizen mit Gehölzen umbunden wurden. Die Ergebnisse zeigen bereits erste Erfolge: Die Bodenfeuchtigkeit stieg um bis zu 15 Prozent, und die Erträge stabilisierten sich trotz Trockenphasen.
Ein weiteres zentrales Instrument ist die „Getreide-Reservestelle“, ein staatlich kontrolliertes Lager, das Überschussmengen speichert und bei Krisen wie Lieferengpässen oder Preisschwankungen abgibt. Das Pilotprojekt in der Region „Saarland“ – wo seit 2023 bereits 20.000 Tonnen Roggen gelagert werden – soll als Vorreiter dienen. Kritiker warnen jedoch, dass die Umsetzung noch zu langsam ist, da viele Bauern die neuen Förderbedingungen noch nicht vollständig umsetzen können. Laut einer Umfrage des Deutschen Bauernverbandes vom März 2024 haben nur 35 Prozent der Befragten die neuen Subventionen bereits vollständig genutzt.
Die Rolle der Verarbeitung: Von der Felderfassung zur globalen Konkurrenzfähigkeit
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Verarbeitung von Getreide, die bis zu 70 Prozent des Wertschöpfungspotenzials in der Branche ausmacht. Das Gesetz fördert daher die Ansiedlung von Mehlfabriken und Getreidemühlen in ländlichen Regionen, um die Wertschöpfungskette zu verkürzen und Abhängigkeiten von Importen zu reduzieren. Besonders erfolgreich ist das Vorhaben in „Schleswig-Holstein“, wo seit 2022 die „Mehlwerkstatt Nord“ als erste „grüne Mehlfabrik“ mit Solarenergie betrieben wird. Hier werden bis zu 80 Prozent des benötigten Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen, und die CO₂-Emissionen pro Tonne Mehl liegen unter dem EU-Durchschnitt.
Ein weiteres Projekt ist die „Getreide-Recycling-Plattform“ in der Region „Thüringen“, die aus Restmengen aus der Lebensmittelindustrie hochwertiges Futtermittel für Nutztiere herstellt. Laut Daten des Forschungsinstituts für Agrartechnik (FAL) könnte diese Methode bis 2025 bis zu 15 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr einsparen – genug, um die Importe um 10 Prozent zu reduzieren. Allerdings bleibt die Akzeptanz bei den Verarbeitungsbetrieben noch ambivalent, da viele traditionell auf Importware angewiesen sind.
- Bis 2035 soll die deutsche Getreideproduktion auf mindestens 50 Prozent des nationalen Bedarfs steigen.
- Durch regenerative Landwirtschaft könnten die CO₂-Emissionen der Branche um bis zu 20 Prozent gesenkt werden.
- Die „Getreide-Reservestelle“ in Saarland lagert bereits 20.000 Tonnen Roggen und soll bei Krisen einspringen.
- Die „Mehlwerkstatt Nord“ in Schleswig-Holstein ist die erste „grüne Mehlfabrik“ mit 100-prozentigem Ökostrom.
- Die Recycling-Plattform in Thüringen könnte bis 2025 bis zu 15 Millionen Tonnen Getreide einsparen.
- Bis zu 300 Millionen Euro pro Jahr fließen in die Förderung von Getreideanbau und -verarbeitung.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung des Gesetzes ein komplexer Prozess, der Zeit und Anpassungen erfordert. Während einige Regionen wie Schleswig-Holstein oder Bayern bereits konkrete Erfolge zeigen, hinken andere Bundesländer hinterher. Besonders die „Bayerische Weizenregion“ steht vor der Herausforderung, die neue Düngemittelpolitik umzusetzen, ohne die Erträge zu gefährden. Ein weiterer Kritikpunkt ist die „Doppelfunktion“ des Gesetzes: Während es auf der einen Seite die Selbstversorgung stärken soll, könnte es auf der anderen Seite zu einer „Preisverzerrung“ führen, wenn die Fördergelder zu stark nach oben gedrückt werden.
Am Ende zeigt das Frumentationsgesetz, dass eine Agrarwende nicht nur technisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich umgesetzt werden muss. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Deutschland tatsächlich in der Lage ist, seine Getreideabhängigkeit zu reduzieren – oder ob die Reform zu vielen kleinen Fortschritten führt, die sich im Großzügen nicht messen lassen. jetzt ansehen, wie die Umsetzung in den einzelnen Bundesländern vorankommt.
